Die Herrschaft des Bewusstseins
Nandi Devar

Nandi Devar

„Die Herrschaft des Bewusstseins“ Auszug aus einem unveröffentlichten Buch von Nandi Devar

Unsere gesamte Existenz besteht aus Zyklen, aus Geburt, Leben und dem Vergehen. Das gilt aber nicht nur für unsere körperliche Existenz, nicht nur für jede Zelle in unserem Körper, sondern auch für jedes Gefühl, dass wir kennen, sowie auch für jeden Gedanken in unserem Kopf. Wie sehr wir eigentlich unser Leben in unserer inneren Welt leben ist uns überhaupt nicht klar. Wenn man nun nur einen einzigen Tag genau beobachten würde wie er abläuft und was dort erfahren wird, dann würde unweigerlich klar werden, dass sich neunzig Prozent unserer Erlebnisse in unserer inneren Welt abspielen und nicht, wie durch eine seltsame Verschiebung der Wahrnehmung allgemein angenommen, in der äusseren Welt. Die Wahrnehmungen des physischen Körpers und der physischen Welt machen im Vergleich zu unseren emotionalen und gedanklichen Erlebnissen einen sehr viel kleineren Teil unserer Erfahrungen aus, als wir denken, dass sie es tun. Die Ebene unserer Gedanken zum Beispiel, ist den ganzen Tag über unermüdlich in Aktion. Jeder Mensch nutzt ständig, das heisst tausende Male am Tag, seine Erinnerung. Meistens unbewusst, selten bewusst. Die aus diesem Gedankenvorgang entstehenden Emotionen beeinflussen uns auf tiefgreifende Art und Weise, denn sie bestimmen unsere Lebensqualität und entscheiden letztendlich über die Art und Weise wie wir leben. Und doch sind Gedanken und Emotionen, im Vergleich zu unserem physischen Körper, umso vergänglicher. Sie kommen und gehen. Auch sie bieten keine wirkliche Sicherheit, auf die wir uns verlassen können.

Aber wie könnte man Sicherheit definieren, aus was besteht sie? Wenn Vergänglichkeit Unsicherheit bedeutet, dann müsste das Gegenteil von Vergänglichkeit, die Unvergänglichkeit, Sicherheit bedeuten. In einer sich ständig wandelnden Umgebung, in diesem Strom von Werden und Vergehen muss es etwas Stetiges geben, eine innere Mitte, wie es im Volksmund heisst. Das ist das wonach sich jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, sein ganzes Leben nach sehnt. Letztendlich sind das Leben und das Sterben für den Menschen die Protagonisten der Dualität. Materie wird aus Wandel geboren und so auch die Dualität. Wenn Angst aus dieser als Trennung erfahrenen Dualität heraus entsteht, müssen Frieden und Seligkeit aus etwas anderem hervorgehen.

Der Ort, an dem Sicherheit, Harmonie und Seligkeit die Grundlage des Seins sind und nicht die Ausnahme, kann nicht aus der Materie beschaffen sein, die dem Zwang der Veränderung unterliegt. Besser noch als das Wort „Ort“ wäre „Dimension“ der passendere Begriff. Ist doch ein Ort ein lokales Ereignis. Eine Dimension hingegen ist etwas räumlich Umspannendes, in und für sich Existierendes. Etwas Totales, etwas Alldurchdringendes. Deswegen entzieht sich der Begriff „Bewusstsein“ so sehr der analytischen Beschreibung. So etwas Grosses, Non-Duales, alle Möglichkeiten und Fähigkeiten beherbergendes mit Worten begreifbar, anfassbar zu machen, muss kläglich scheitern. Es entzieht sich, wieder und wieder. Genau in dem Moment, in dem es beschrieben wird, scheint es nicht zu existieren. Und wenn, dann nur als schwacher Abglanz, als eine Fata Morgana. Wie ein Phantom, dem, je mehr man ihm hinterherjagt, umso weniger zu fassen ist. Ist Gott nicht auch ein Phantom? Der Versuch einem sich mit seinem Körper und Denken vollständig identifizierenden Menschen Gott zu erklären ist wohl verschwendete Zeit. Gott entzieht sich genauso der Inhaftierung in eine Gedankenzelle, in eine Denk-Schublade, wie das Bewusstsein. Dabei sagt doch das Wort selbst was es eigentlich bedeutet. Der Begriff Bewusstsein hat seine Wurzel in dem Wort Wissen. Etwas wissen bedeutet etwas wird gewusst und ist damit bewusst. Wissen ist damit aber fast auf gleicher Höhe mit der Unfassbarkeit von Bewusstsein oder Gott. Aus welcher Materie soll Wissen bestehen? Auf welcher Art von Dualität könnte es beruhen?

Es braucht natürlich immer zwei, um etwas zu wissen. Es braucht den Wissenden und es braucht das Gewusste. Das Subjekt weiss um das Objekt. So ist Wissen also doch etwas Materielles? Verständlich wird das Ganze, wenn man weiss, dass das Bewusstsein in zwei Arten erlebt wird. Es braucht einen Vermittler zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Sehenden und dem gesehenen Objekt. Genau das macht die Wahrnehmung möglich. Wir nehmen ein Objekt wahr. Es scheint das natürlichste von der Welt zu sein, dass wir das können. Gemeinhin ist man der Ansicht, dass es die Augen sind, die ein Objekt sehen. Doch die Augen sind ein Werkzeug, das benutzt werden will, aktiviert werden muss. Es ist das wahrnehmende Bewusstsein, das die Augen sehen lässt. Da sich das wahrnehmende Bewusstsein zwischen seiner Quelle, dem Subjekt sowie den Objekten hin und her bewegt, wird es auch das bewegte Bewusstsein genannt.

Das Bewusstsein ist kein starres Konzept, keine feste Idee. Es ist wie Gott. Es ist ein Nicht-Konzept. Gott ist die Quelle, aus der heraus Konzepte, also Ideen und Gedanken, entstehen können. Es ist, „materiell“ betrachtet, der Raum in dem Konzepte erscheinen. Es ist an und für sich unbewegt. Es ändert sich nicht, ist überall. Wenn es überall ist braucht es sich nicht zu bewegen, um irgendwo hin zu kommen. Und doch kann sich bewegtes Bewusstsein von einem Körperteil zu einem Gedanken, vom darauffolgenden Gedanken zu einem Gefühl, und von dort aus wieder in den physischen Körper bewegen, ohne das es einen Widerstand spüren würde oder ein Hindernis überwinden müsste. Unendlich leicht und schnell bewegt es sich durch verschiedene Körperebenen.

Kann man Wissen sehen, kann man Bewusstsein sehen? Man kann das Gewusste sehen, ein äusseres Objekt oder ein inneres Bild, doch das Wissen selber? Ist es sichtbar? Besteht es aus einem Stoff oder einem Material, das man anfassen oder innerlich sehen oder spüren könnte? Es ist so fein und subtil das es ohne Spuren zu hinterlassen einfach agiert. Es weiss und macht zugleich etwas bewusst. Es ist und weiss zur gleichen Zeit. Es weiss um sich selbst als „Ich bin“ oder „Ich existiere“ und weiss um jedes wahrgenommene Objekt, insofern es bis zu einem gewissen Grade bewusst wahrgenommen wurde. Es ist genau das gleiche Phantom wie Gott und doch ist es da. Als einziges existiert es unzweifelhaft. Es ist nicht möglich das Bewusstsein oder das Wissen anzuzweifeln. Zweifel bestehen aus Gedanken, das Bewusstsein nicht. Es besteht aus Sein das weiss. Wissendes Sein kann nicht zweifeln, schon gar nicht an sich selber. Diese Unmöglichkeit ist das besondere Merkmal der aus sich selbst heraus freudvoll seienden Existenz.

Share on facebook
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on print
Share on email

Diesen Blog-Beitrag teilen

Scroll to Top